Mit "Conditional Access Policies" (CAPs), zu Deutsch "Richtlinien für bedingten Zugriff", stellt Microsoft ein Sicherheitsframework bereit, das den Zugriff auf Unternehmensressourcen abhängig von Bedingungen wie Benutzeridentität, Gerätestatus oder Standort automatisch gewährt, einschränkt oder blockiert. Je mächtiger ein Werkzeug ist, desto komplizierter ist häufig auch dessen Anwendung. CAPs bilden hierbei keine Ausnahme.
In diesem Blogartikel werden einige Best Practices gezeigt, die die SySS bei Audits häufig falsch konfiguriert vorfindet. Zudem werden Stolperfallen beleuchtet, bei denen CAPs sich nicht erwartungsgemäß verhalten.
Um verschiedene Loginszenarien nachzustellen, wird häufig auf das Kommandozeilentool "roadtx" von Dirk-jan Mollema zurückgegriffen. Dabei handelt es sich um ein bei Sicherheitsforschern beliebtes Werkzeug, mit dem verschiedene Anmeldeprozesse an der Microsoft-Cloud emuliert werden können. Das Tool ist auf GitHub zu finden.
Vor den Tipps noch ein wichtiger Hinweis, den Sie beim Erproben neuer Richtlinien auf jeden Fall beachten sollten.
Falsch konfigurierte CAPs können den laufenden Betrieb erheblich stören und bergen das Risiko, dass ein Unternehmen sich komplett aus dem eigenen Mandanten aussperrt. Daher sollten alle neuen Richtlinien vor der Aktivierung sorgfältig geprüft und im Report-only-Modus getestet werden. Zudem können über die Funktion "What If" verschiedene Szenarien durchgespielt werden, um zu prüfen, ob die Richtlinien wie gewünscht greifen.
Dieses Kapitel stellt Richtlinien vor, die einen soliden Grundschutz für Ihren Microsoft-Mandanten gewährleisten.
Für den Fall, dass alle Stricke reißen und der Zugriff auf den Mandanten verloren geht, sollten zwei Notfallaccounts angelegt werden, die mit "Global Administrator"-Berechtigungen ausgestattet sind. Damit diese Accounts im Ernstfall ihren Zweck erfüllen können, müssen sie zwingend von allen regulären CAPs ausgenommen sein. Um die Übersicht zu behalten, sollten für Notfallaccounts dedizierte CAPs angelegt werden. Ansonsten verhindert im schlimmsten Fall eine CAP auch die Anmeldung mit den Notfallaccounts.
Daraus ergibt sich die erste Empfehlung.
Empfehlung 1: Bei allen regulären CAPs Ausnahmen für Notfallaccounts anlegen.
Achtung: Durch die CAP-Ausnahmen sind Notfallaccounts schlechter vor Angriffen geschützt. Es ist daher essenziell, diese Accounts ausschließlich im Notfall zu nutzen und mit einem langen und komplexen Passwort zu schützen! Zudem wird empfohlen, die Accounts mit einem zweiten Authentisierungsfaktor zu sichern. Microsoft empfiehlt passwortlose Methoden. Wichtig ist, für Notfallaccounts eine andere Methode zu verwenden als für gewöhnliche Administratorkonten.
Selbst Sicherheitsexperten können auf gut durchgeführte Phishing-Angriffe hereinfallen, wie ein Vorfall bei Troy Hunt, dem Betreiber der Datenleck-Datenbankseite Have I Been Pwned, im vergangenen Jahr zeigte.
Daher ist es unerlässlich, Phishing-Angriffe zu erschweren, indem die Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) für alle Benutzer erzwungen wird. Microsoft hat die MFA zwar seit Ende 2025 verpflichtend für alle Benutzer eingeführt, dies umfasst jedoch nur Anmeldungen an ausgewählten Anwendungen. Daher bedarf es einer spezifischen CAP, um MFA für alle User zu erzwingen, wie in folgender Abbildung gezeigt ist.
Empfehlung 2: MFA für alle Benutzer erzwingen.
Auch gängige MFA-Methoden wie die "Microsoft Authenticator"-App, SMS oder E-Mail-One-Time Password konnten Angreifer in der Vergangenheit durch Lauschangriffe oder Social Engineering überwinden. Microsoft hat daher eine Kategorie für Phishing-resistente MFA-Methoden geschaffen. Wie der Name suggeriert, sind diese kaum durch Phishing-Angriffe überwindbar. Mindestens hochprivilegierte Benutzer sollten durch diese stärkeren MFA-Methoden geschützt werden.
Empfehlung 3: Phishing-resistente MFA für alle Administratoren erzwingen.
Damit sind jedoch noch nicht alle Zugriffsszenarien abgedeckt. Bei der Auswahl der Zielressourcen verstecken sich unter "Benutzeraktionen" zwei weitere Zugriffsszenarien:
Um auch für diese Zugriffe MFA zu fordern, müssen also separate Richtlinien angelegt werden. Warum dies sinnvoll ist, sollen die folgenden Angriffsszenarien veranschaulichen:
Empfehlung 4: MFA für das Registrieren von Geräten und Sicherheitsinformationen fordern.
Um Benutzern initial Zugriff zu ermöglichen, kann vorab durch die Administration eine MFA-Methode hinterlegt werden. Alternativ können Temporary Access Passes genutzt werden. Diese sind nur begrenzt gültig und stellen eine zweite Schutzschicht zum Initialpasswort dar.
Im Kontext von CAPs spielen die Risikoeinstufungen durch Microsoft "Benutzerrisiko", "Anmelderisiko" und "Insiderrisiko" eine zentrale Rolle bei der Absicherung von Identitäten und Zugriffen:
Während die Risikoeinstufungen bei allen Lizenzstufen verfügbar sind, können besonders feingranulare Einstellungen nur mit einer P2-Lizenz vorgenommen werden. CAPs sollten für diese Risikoszenarien definiert werden, um auf erkannte Risiken reagieren zu können.
Hierbei ist jedoch Vorsicht geboten: Durch gesperrte Benutzer kann der Arbeitsbetrieb erheblich gestört werden. Mindestens bei einem hohen Benutzerrisiko sollten manuelle Risikobehebungsmaßnahmen notwendig sein.
Empfehlung 5: Benutzer mit hoher Risikoeinstufung sollten zur Behebung manuelle Maßnahmen durch einen Administrator erfordern.
Jedoch sind weitere Maßnahmen, wie beispielsweise eine erzwungene Passwortrotation bei einem erkannten mittleren Risiko, sinnvoll.
Der Device Code Flow erlaubt es, den Loginprozess auf einem anderen Gerät als jenem durchzuführen, das authentisiert wird. Was als Feature für Geräte mit begrenzten Eingabemöglichkeiten gedacht war, ist gleichzeitig besonders anfällig für Phishing-Angriffe, wie die folgende Grafik zeigt.
Es ist daher empfehlenswert, Device Code Flow zu deaktivieren und nur dort Ausnahmen hinzuzufügen, wo sie unbedingt notwendig sind.
Empfehlung 6: Device Code Flow so weitgehend wie möglich unterbinden.
Dieses Kapitel geht auf zwei Eigenschaften von CAPs ein, die häufig falsch eingeschätzt werden.
Über geräte- und plattformbasierte Richtlinien kann feingranular eingestellt werden, welche Bedingungen das Gerät, von dem die Authentisierungsanfrage aus durchgeführt wird, erfüllen muss oder was es nicht darf. Beispielsweise ist es möglich, Loginversuche von iOS- und Android-Geräten zu unterbinden.
Allerdings sind diese Richtlinien nur bedingt geeignet, um Angreifer einzuschränken oder gar fernzuhalten, wie Microsoft selbst einräumt: "Registrierungseinschränkungen stellen keine Sicherheitsfunktionen dar. Gefährdete Geräte können falsche Angaben zu ihren Eigenschaften enthalten. Diese Einschränkungen sind eine bestmögliche Barriere für nicht böswillige Benutzer."
Grund hierfür ist, dass die Filterkriterien auf Informationen basieren, die vom Gerät selbst gesendet werden. Somit können diese grundsätzlich gefälscht werden. Die Geräteplattform beispielsweise wird bei unregistrierten Geräten allein über den User Agent bestimmt – eine Zeichenfolge, die bei jeder Anfrage an den Server mitgeschickt wird.
Im folgenden Beispiel führen wir einen Loginversuch von einem Kali-Linux-System aus und weisen roadtx an, den für iPhones typischen User Agent zu nutzen.
Aber auch beim Registrierungsvorgang von Geräten kann die genutzte Plattform gefälscht werden. Mithilfe des Tools Pytune können wir fiktive Geräte in Entra ID registrieren und in Intune einbinden. Die einzige Voraussetzung ist, dass das Limit für die Anzahl der registrierten Geräte für diesen Nutzer nicht überschritten wird. Hier empfiehlt Microsoft jedoch einen sehr großzügigen Standardwert von 20 Geräten pro Nutzer.
Die Filtermöglichkeiten für Geräte sind also primär dafür geeignet, um technisch unversierte Mitarbeiter davon abzuhalten, eigene potenziell mit Schadsoftware befallene Geräte für den Zugriff auf die Microsoft-Cloud zu verwenden.
Fallstrick 1: Plattformfilter sind einfach auszuhebeln und sollten daher nicht als Sicherheitsmechanismus genutzt werden.
Dennoch kann nach Erfahrung der SySS eine Regel, die als zusätzliche Schutzschicht konforme Geräte für den Zugriff auf interne Ressourcen fordert, Angreifern das Leben erheblich erschweren. Um eine solche Regel nicht abzuschwächen, sollten weitere plattformbasierte Anforderungen in separaten Regeln definiert werden.
Das Privileged Identity Management (PIM) von Entra ID ermöglicht die temporäre Aktivierung von Rollen, wenn sie benötigt werden. Ein Benutzer, der beispielsweise für die "User Administrator"-Rolle berechtigt ist, kann diese ad hoc aktivieren, um Benutzer und Gruppen zu verwalten. PIM ermöglicht so eine bessere Kontrolle über die Vergabe von Berechtigungen und eine bessere Nachvollziehbarkeit von administrativen Tätigkeiten. Um PIM nutzen zu können, werden P2-Lizenzen benötigt.
Grundsätzlich ist der Einsatz von PIM empfehlenswert. In Kombination mit CAPs kann es jedoch zu unerwünschten Nebeneffekten kommen, sodass manche Richtlinien nicht greifen. Denn CAPs berücksichtigen nur die Rollen, die ein Benutzer innehat, jedoch nicht, für welche er berechtigt ist.
In unserem Beispiel ist der Benutzer "syss" berechtigt, die Rolle "User Administrator" zeitweise einzunehmen. Eine CAP ist aktiv, die MFA bei der Anmeldung aller Administratoren verlangt. Solange der Benutzer die Rolle jedoch nicht aktiviert hat, kann er oder ein potenzieller Angreifer sich allein mit dem Passwort anmelden.
Allerdings bleibt das zuvor ausgestellte Zugangstoken weiterhin bis zu seinem Ablaufdatum gültig. Da das Token keine Rolleninformationen enthält, können mit dem zuvor ausgestellten Token nun auch die erweiterten Berechtigungen des "User Administrator" genutzt werden. Beispielsweise ist es nun möglich, einen neuen Benutzer (hier "Persist Hacker") anzulegen, um sich im Mandanten zu persistieren.
Die rollenbasierte Regel hat den Benutzer hier somit nicht geschützt.
Fallstrick 2: Rollenbasierte Richtlinien in Zusammenhang mit PIM greifen nur, wenn der Benutzer die Rolle aktiviert hat.
Daher sollten CAPs stattdessen gruppenbasiert konfiguriert werden. Wir können somit aus dem Fallstrick folgende Empfehlung ableiten:
Empfehlung 7: Richtlinien gruppenbasiert statt rollenbasiert definieren.
Beim Erstellen von Gruppen ist unbedingt darauf zu achten, dass durch neue Gruppen keine Möglichkeiten für eine Rechteeskalation eingeführt werden, z. B. durch dynamische Gruppen oder Gruppenänderungsberechtigungen. Solche Angriffswege können beispielsweise mit den von der SySS entwickelten Tools Azurenum oder AzureHound geprüft werden.
Richtig konfiguriert sind CAPs ein mächtiges Werkzeug, um den Mandanten vor Zugriffen durch Angreifer zu schützen. Microsoft bietet mit den "Microsoft-Managed Policies" einen Grundstock an Regeln, die einige Sicherheitsmaßnahmen bereits umsetzen und an die firmeneigenen Bedürfnisse angepasst werden können. Die Vielzahl an Konfigurationsmöglichkeiten und zu beachtenden Sonderfällen kann jedoch schnell unübersichtlich werden.
CAPs sollten sorgfältig geprüft werden und zunächst im "Report-only"-Modus getestet werden.
Es folgt eine Zusammenfassung der Empfehlungen und Hinweise aus diesem Artikel:
Wenn Sie nach der Erstellung Ihre Richtlinien zusätzlich auf Sicherheitslücken prüfen lassen möchten, unterstützt die SySS Sie gerne dabei. Üblicherweise werden die Analysen dann in einem hybriden Ansatz durchgeführt. Die durchführenden Consultants erhalten dabei lesenden Zugriff auf Ihre CAPs und machen mögliche Angriffsszenarien ausfindig. Anschließend werden gefundene Schwachstellen mit Tools nachgestellt, wie sie auch echte Angreifer verwenden. Dieser zweiteilige Ansatz ermöglicht es, effizient in wenigen Tagen auch im Detail versteckte Lücken aufzudecken.
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